Rützenreuth - Das Leben ist kein Ponyhof, meint so mancher Realist, ohne jemals in Rützenreuth gewesen zu sein. Denn in dem 31-Seelen-Örtchen bei Presseck dreht sich fast das ganze Leben um Shetland, Welsh und Haflinger. Der Rosenhof ist für Dutzende Kinder und Jugendliche aus dem Umland wie ein Magnet. Magisch angezogen von der Faszination Pony sind vor allem Mädchen. "Es sind aber auch Jungs dabei", versichert Jessica Kammerer. Gemeinsam mit Lisa Dornheim bietet sie den Kindern Spaß, Vergnügen und noch viel mehr, denn ihre Reitstunden haben einen therapeutischen Hintergrund.
Jessica Kammerer (32) arbeitet als Ergotherapeutin und Lisa Dornheim (25) als Physiotherapeutin in einer Praxis in Helmbrechts. Genau zwei Jahre ist es her, dass sie den Versuch wagten, auf dem Rosenhof sozial- und heilpädagogische Reitstunden anzubieten. "Kinder ab drei Jahren lernen im Umgang mit den Pferden spielerisch, ihren eigenen Weg zu gehen", erklärt Jessica Kammerer. "Denn wer ein Pony versorgen muss und darauf reiten will, der entwickelt Selbstvertrauen, und auch die Körperhaltung verbessert sich."
Ställe ausmisten, Sattelzeug einfetten, das Pferd striegeln und ihm zu fressen geben - auf dem Hof gibt es viel zu tun, und die Mädchen und Jungen packen gerne mit an. Bei den geführten Ausritten dürfen auch Neueinsteiger gleich aufs Pony. "Während der Reitstunden bilden wir Vierergruppen aus Anfängern und Fortgeschrittenen. Die Kleinen schauen sich dann von den Größeren etwas ab und lernen stets dazu", erzählt Lisa Dornheim.
Unter den knapp 30 Kindern sind sieben mit geistiger oder körperlicher Behinderung. Beide Therapeutinnen haben dafür die Ausbildung zur Fachübungsleiterin für Behindertenreitsport absolviert. "Die Muskeln der Kinder werden auf dem Pferd lockerer, zudem verbessern sich Haltung, Körperwahrnehmung und Gleichgewicht", sagt Kammerer. Nicht nur bei Spastiken, extremem Hohlkreuz oder Wirbelsäulenverkrümmung könne eine Reittherapie sinnvoll sein. "Viele nehmen an den Stunden als Ausgleich zum langen Sitzen in der Schule teil", sagt die 32-Jährige.
Ein eigenes Pferd haben die wenigsten Kinder. Doch auf dem Rosenhof haben sie die Auswahl zwischen Shetland- und Minishetlandponys, Haflinger, Welsh, Isländer, Dülmener und Lewitzer - 15 Ponys und zudem fünf Pferde, Esel, Hasen, ein Schwein, Gänse, der Berner Sennenhund Janosch und die 34 Jahre alte Schildkröte Oskar warten dort. "Deshalb ist bei uns immer etwas los", verrät Jessica Kammerers Mutter Heidi Gottwald, die gemeinsam mit ihrem Mann vor 16 Jahren aus dem früheren Bauernhof den Rosenhof gemacht hat.
Mit so vielen Besuchern hatte sie damals nicht unbedingt gerechnet, aber Heidi Gottwald freut sich, dass der Rosenhof zahlreiche junge Menschen nach Rützenreuth zieht: "Bei uns ist jeden Tag ein Tag der offenen Tür." Auf dem Ponyhof spielt das Leben und die Therapeutinnen wollen den Kindern etwas für ihr Leben mitgeben.
"Tiere bringen in der Therapie immer etwas", erklärt Jessica Kammerer. "Die Kinder müssen fühlen, sich bewegen und auf das Pferd eingehen. Das Tier macht keinen Unterschied zwischen behindert und nichtbehindert."
Zudem fördere der Sozialkontakt das Selbstbewusstsein. "Auch Kinder mit Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom lernen, dass sie nicht zu zappelig sein dürfen, wenn sie reiten wollen. Pferde mögen es nicht, wenn man zu viel um sie herumwuselt, sonst werden sie selbst unruhig", erklärt die Therapeutin.
Mit dem eigenen Körpergewicht, den Schenkeln, der Stimme oder den Zügeln - es gebe viele Möglichkeiten, das Pferd dahin zu bringen, wohin man gerne möchte. "Ganz einfach ist es aber nicht", sagt Lisa Dornheim. Und genau deshalb könne die Reittherapie so viel bringen.
Viel Gefühl sei schon nötig. "Manche Kinder lernen erst beim Reiten, dass sie das linke und das rechte Bein unabhängig voneinander bewegen können", sagt Jessica Dornheim, die mit Pferden aufgewachsen ist und deshalb weiß: "Reiten ist ein Prozess, das Lernen hört nie auf."
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